X Bäume HD

Lichtwechsel – der Wind reißt eine dunkle Drachenwolke auf und fleddert sie, stellt die Sonne frei für einen Moment. Im schneidend harten Gegenlicht glänzen feuchte Sande auf. Kontrastumkehr, Farbwechsel. Hart und klar die geschwungene Kontur der Randdünen, Gräser zittern im Licht. Das hölzerne Seezeichen wird zum Scherenschnitt, der seine Geometrie gegen den Horizont behauptet. Schnell zieht erneut eine dunkle Wolkenwand auf. Wandel und Veränderung scheinen das einzig Beständige zu sein hier auf diesem Eiland im Meer.


Vor ihm liegt ein wahres Waschbrett aus zu Sand erstarrter Bewegung. Zeichnung und Relief, dessen Ordnung, Maßwerk und Regel nun lesbar wird. Tausende feinst ziselierte Wasserzungen, Rippeln, Netzwerke, deren flitzige Eleganz ihn fast schwindlig machen. Vorhin, als die Wasser hier im Priel noch über die Sande zum Meer hin abliefen, herrschte eine Art sensibles Chaos. Es hüpfte, gurgelte, sprudelte und glitzerte, ergriff all seine Sinne, verwirrte sie und trug mit einem wahren Orchester schnell dahinwuselnder Überkreuzungen und Überschneidungen jeglichen Versuch eines ordnenden Gedankens in alle Richtungen fort.


Nun jedoch, in dieser zeitweiligen Erstarrung, kommt man dem „Plan“ auf die Spur, liegt das Lesebuch der Natur, Kapitel „Strömungstechnik“, offen zutage. Leonardo hatte es vor 500 Jahren in der Tat vermocht, diese komplexen Strömungsgebilde fliessender Wasser, die ein Hindernis passieren, zeichnerisch festzuhalten – lange vor Erfindung der Fotografie. Mit einem Anflug von Neid musste er konstatieren, dass ihm selbst diese Gaben nicht zur Verfügung standen.